Leseprobe

Endlich Lehrer- meine erste Klasse

Nach dem Zweiten Staatsexamen wurde ich Klassenlehrer einer achten  Klasse. Mein Vorgänger hatte sich entnervt in ein Gymnasium geflüchtet. Die Klasse hatte bereits eine Reise geplant, und ich war der Meinung, dass man den Schülern eine Chance geben und nicht die Klassenfahrt einfach absagen sollte. Der erste Wandertag wurde  eine Nachtwanderung auf den Teufelsberg, es verlief alles friedlich, also fand die Reise statt.

 

Die erste Klassenfahrt- ein Fiasko

Es ging nach Greetsiel und für eine Schülerin am vierten Tag zurück nach Berlin. Am dritten Tag hatten die Schüler nachmittags begrenzte Freizeit, wie auf Klassenfahrten üblich und von den Eltern schriftlich genehmigt. Am Abend saß ich mit meiner Kollegin Marga an einem strategisch günstig postierten Tisch, von dem aus wir den Flur und vor allem die Zimmertüren im Blick hatten. Irgendwann erschien Hanna*, knapp vierzehn, mit Slip und T-Shirt äußerst spärlich bekleidet, und ging an uns vorbei auf die Toilette. Wir waren noch etwas verwirrt über diesen ungewöhnlichen Auftritt, da war sie schon wieder an uns vorbei, nahm die erste, dann die zweite Stufe der kleinen Treppe, stellte sich auf die dritte und letzte Stufe und ließ sich, steif wie ein Brett, ohne auch nur einen Funken einer Abwehrreaktion zu zeigen, nach hinten fallen. Sie war quasi schon ohnmächtig, bevor sie mit dem Hinterkopf gegen einen Türpfosten knallte. Gottlob kam sie relativ schnell zu sich und gestand uns, von dem Wodka, den ihr einige Männer angeboten hatten, eine halbe Flasche getrunken zu haben. Was tun? Für mich gab es keine Alternative zum nach Hause Schicken. Marga suchte einen weniger harten Weg zu gehen, um uns eine Konfrontation mit der Mädchenclique, zu der Hanna gehörte, zu ersparen. Margas Idee einer Auflage für Hanna, sich ständig bei uns aufzuhalten, hätte dazu führen können, dass andere Schüler ebenfalls gegen die Regeln verstoßen hätten, mit der Aussicht, im Falle eines Auffliegens ihrer Taten, höchstens mit einem Begleitgebot belegt zu werden. Eine derart lasche Reaktion hätte uns - falls etwas richtig schief gelaufen und vor dem Richter verhandelt worden wäre- eine Menge Ärger bereitet.

Nach vier Stunden Beratung stand fest:

Hanna musste nach Hause. Mit dem Pädagogischen Mitarbeiter Auster und der Schulleitung sprach ich telefonisch ab, dass ich Hanna nach Bremen zum Flughafen bringen würde. Bei ihrer Ankunft in Tegel würde Auster sie dann nach Hause bringen und überprüfen, ob ihr Gewalttätigkeiten von Seiten der Eltern drohten. Am nächsten Morgen fuhr ich mit Hanna in einem Mietwagen mit Fahrer zum Flughafen, checkte sie ein (womit sie praktisch unter Kontrolle war) und ließ mich wieder zurück fahren.

Die Eltern weigerten sich zunächst, für die 400 DM aufzu-kommen, die diese Aktion gekostet hatte, mussten sich dann aber doch der Faktenlage beugen.

Dieselbe Reise: Während eines Ausflugs in einem Reisebus, war die hinterste Bank voll mit Jungen besetzt, die sich in jeder Kurve mit Macht in die entsprechende Ecke legten oder besser warfen. Ich ließ es geschehen, weil ich nicht damit rechnete, was dann geschah. Eine Scheibe brach aus der Fassung und der Fahrer verlor dieselbe und wollte Ersatz. Der Klassensprecher Patrick übernahm großzügig die Verantwortung in der falschen Gewissheit, dass seine Haftpflichtversicherung dafür aufkommen würde. Die wäre zwar dazu bereit gewesen, hätte dann aber den Vertrag gekündigt, weil der Schüler schon einige Ersatzleistungen in Anspruch genommen hatte. Da sich dieser Umstand erst nach der Reise herausstellte und sich nun niemand mehr für zuständig hielt, fand dann noch eine Gerichtsverhandlung in Berlin statt, in der geklärt werden sollte, ob der Bus überhaupt vorschriftsmäßig gewartet worden war (zum Glück nicht).

Noch immer meine erste Reise. Wir wollten einen Ausflug nach Helgoland machen, befürchteten aber, dass sobald den ersten Schülern auf dem Schiff schlecht würde, die anderen sich fleißig mit übergeben könnten, hysterische Anfälle einiger Mädchen inklusive. So besorgten wir uns in einer Apotheke ein Mittel gegen Seekrankheit, das wir den Schülern, ich weiß nicht mehr wie, (ohne ihr Wissen) verabreichten. Grober Verstoß gegen die Vorschriften, weiß ich inzwischen auch. Klappte jedenfalls, niemandem wurde schlecht. Die Kinder wirkten nur irgendwie müde, sollte uns da in der Nacht zuvor etwas entgangen sein? Da war nichts. Entgangen ist uns, was auf dem Beipackzettel stand, nämlich, dass das Medikament eine sedierende Wirkung hätte.

Als wir die Insel wieder verlassen wollten, stellte ich fest, dass sich der ohnehin schon mächtige Körperumfang meiner Schülerin Ayla noch einmal vergrößert hatte. Eine Schwangerschaft in so kurzer Zeit war auszuschließen, also forderte Marga sie auf, ihren Mantel zu öffnen.

Ayla schaffte es gerade noch vor der Abfahrt der Fähre, alle gestohlenen Souvenirs an ihre Eigentümer zurück-zugeben.

Alle ?

Wir warteten auf den Bus, der uns zurück nach Berlin bringen sollte, da machte uns die sehr aufgeregte Herbergsmutter darauf aufmerksam, dass zwei Wandteller verschwunden waren, die vorher im Esszimmer an der Wand hingen. Eine Kofferkontrolle entlarvte Ayla als die Diebin.           

Bei einem Hausbesuch erklärte ich Aylas Eltern, was ihre Tochter sich zu Schulden hat kommen lassen. Der Vater verstand von all dem, was ich sagte, nur „Wandteller“ und zeigte stolz auf ein Riesenexemplar dieser geschmacklosen Souvenirs aus Helgoland. Irgendwie hat das Mädchen es doch fertig gebracht, dieses Teil nach Hause zu schmuggeln, denn gekauft haben konnte sie es nicht. Sie hatte nämlich schon am ersten Tag ihr Portemonnaie als verloren gemeldet, woraufhin die Schüler einen kleinen Betrag für sie sammelten.

Da bin ich bereits beim Kapitel:

 

Die Schüler meiner ersten Klasse  8141

Mancher lernt’s nie oder „Petri Heil“

Robert war leidenschaftlicher Angler mit viel Sinn für Humor. Eine Referendarin, an deren Namen ich mich ebenso wenig erinnern kann wie an ihr Gesicht, beschwerte sich bei mir als Klassenlehrer wiederholt, weil Schüler Unterlagen, Hefter und anderes aus ihrer Schultasche, welche immer geöffnet neben ihrem Tisch stand, nahmen. Ich problematisierte dieses Fehlverhalten selbstverständlich mit meinen Schülern wunderte mich aber, weshalb die Kollegin nicht präventiv reagierte oder sich etwas einfallen ließ, diesem Ärgernis ein Ende zu setzen. Als erstes wäre ich auf die Idee gekommen, die Tasche zu schließen. Etwas bösartigere Überlegungen hätten mich dazugebracht, Mausefallen unsichtbar in der Tasche zu platzieren. Dann sollte man aber selbst immer schön wach bleiben, umnicht in die selbst gegrabene Grube zu fallen. Irgendwann kam sie völlig aufgelöst auf mich zu. Jemand (keine Ahnung, wer das gewesen sein könnte) hatte ihr eine Plötze (tot) in ihre Tasche gelegt.

Im nächsten Tutorium fiel es mir schwer, mit der Klasse zu schimpfen. Immerhin hatten sie ja diesmal nichts gestohlen, sondern im Gegenteil etwas dazu getan. Aber natürlich hielt ich ihnen eine Standpauke, und was für eine.

Ich weiß nicht, was aus der Referendarin geworden ist. An unserer Schule blieb sie jedenfalls nicht.

 

1Der Leser wird sich fragen: Wieso steht die Schilderung der Klassenreise vor der Darstellung der Schüler? Weil es sich genau in dieser Reihenfolge entwickelt hat. Ich lernte die Schüler erst richtig während und nach der Klassenreise kennen. Vorher war die Zeit zu kurz dazu.